Mittwoch, 13. Oktober 2010

Wahrscheinlich sind wir blumengeil!

»Tja, Costa Rica«, so Willi, ein dürrer Koch mit Drahtbrille und Hakennase, »das waren Zeiten. Sie wollen mich zurückhaben auf unserer Plantage...aber was ist dann mit meinen 800 Kröten Stütze? Die bekomme ich dort nicht. Hier schon. Nein, ich muss das hier aussitzen. In zwei Monaten hab ich Kur, dann, hoffe ich, es wird mit der Frühpension etwas. Die schicken sie einem um die ganze Welt. Die Stütze nicht.« Er führte seine nikotingelben Finger mit der Zigarette zum Mund. Das dreihundert Euro Zimmer war klein. Auf dem Kunstparkettboden lagen seine Malereien - ungerahmt, eine über der anderen. Sie waren aus dem Jahre Schnee. Willi malte schon lange nicht mehr. Seit der Geschichte mit seinem Kreuz kochte er auch nicht mehr. Er saß den ganzen Tag in seinem Zimmer und redete mit den Leuten die ihn besuchten. Das war es, was er tat: sitzen, qualmen, saufen und reden. Bis er besoffen auf sein Bett kippte, an das der kleine Tisch geschoben war, an dem seine illustren Gäste saßen. Einschließlich mir. Ich schaltete dann meist das TV aus und schloss die Tür. Als einziger in diesem Boarding-Haus am See, verschloss er seine Bude nie. Bei ihm war immer Tag der offenen Tür. Man kam und ging. Wenn man seinen billigen Tetrapack-Wein nicht mochte, brachte man selber Wein in Flaschen mit. Oder Härteres. Wenn es das Wetter zuließ, saß man am winzigen Balkon mit seinen Hanf- und Tomatenpflanzen, sowie den vielen kleinen Töpfchen mit frisch sprießenden Gewürzpflanzen. Als Koch verarbeitete er diese Dinge gerne frisch. Als ihm eine Woche vor dem Zahltag das Geld ausging, appellierte er an mich, in die Schwämme zu gehen. Jo hätte ein Auto. Er selber kenne die besten Herrenpilzgründe. Ich sagte zu. Der Herrenpilzgrund erwies sich als Reinfall. »Da oben gibt’s vielleicht Eierschwammerl«, meinte Jo und deutete über eine steile Kuhwiese. Wir arbeiteten uns an einem Hang hoch, den die Kühe zerstampft hatte. Wasser stand in den Löchern, die von ihren Hufen herrührten. Einer von Willis Cowboy-Stiefeln blieb in einem sumpfigen Loch stecken. Als er ihn herausziehen wollte, fiel er der Länge nach in den Dreck. Es begann zu regnen. Wir gaben auf und setzten uns unter das Dach eines Heustadels, der grau und verlassen am Hang stand.
Willi holte den Tetrapack-Wein aus dem Rucksack und trank. Für einen Schwammerl-Sucher sah er ungewöhnlich verdreckt aus. Der erste Schluck gab ihm seine gute Laune zurück.
»Da oben gibt es vielleicht wirklich Eierschwammerl«, meinte Jo.
»Ach, vergiss es. Scheiß auf die Herrenpilze, scheiß auf die Eierschwammerl«, sagte Willi.
»Warum auf einmal?«, wunderte sich Jo. »Ja, du warst doch die treibende Kraft«, setzte ich hinzu.
»Ich werde euch was verraten«, sagte Willi und grinste das Grinsen eines Menschen, der mit dem Leben zufrieden ist, weil er nichts mehr zu verlieren hat: »Mir tut das verdammte Kreuz weh, ich sehe aus wie ein Schlammcatcher und wahrscheinlich bin ich ja sowieso blumengeil.«
»Oder wir alle«, bemerkte Jo trocken und begann sich einen Joint zu drehen.

Fin

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